Was Unternehmen von Freiwilligenarbeit lernen können

Was Unternehmen von Freiwilligenarbeit lernen können

Diesen Artikel habe ich seit fast 2 Jahren im Entwurf bereit, aber irgendwie hat er thematisch nie ganz gepasst. Nun da XING zur Blogparade #Arbeitszeit aufgerufen hat, ist es Zeit, ihn auf den neusten Stand zu bringen und endlich zu veröffentlichen.

Ich bin seit über 10 Jahren selbständiger Unternehmer und habe mir in dieser Zeit viele Gedanken gemacht, wie ich meine Unternehmen optimal organisieren kann und wie ideale Arbeits- und Vergütungsmodelle aussehen könnten. Persönlich bin ich ein grosser Verfechter von möglichst flexiblen Modellen und frage mich regelmässig, wer eigentlich 42 Wochenstunden als optimale Arbeitszeit definiert hat. Da wir mit Eqipia gerade stark am Wachsen sind, stellen sich diese Fragen wieder einmal sehr akut.

Gleichzeitig bin ich seit meinem 16. Lebensjahr eigentlich immer irgendwo in einem Vereinsvorstand engagiert. Daneben habe ich im Militär ein rund 900 freiwillige Diensttage geleistet (nur die offiziellen Tage gezählt). Vor knapp drei Jahren habe ich zudem das anspruchsvolle Amt eines städtischen Parteipräsidenten übernommen, was bis zu einem 20%-Pensum entsprechen kann.

Ich kenne also nicht nur die Business-Welt, sondern auch sehr gut die Welt der Freiwilligenarbeit. Und immer wieder muss ich feststellen, wie unterschiedlich doch die beiden Welten sind. Während ich hoffe, durch meine berufliche Erfahrung Inputs aus der Wirtschaft in die Freiwilligenarbeit einzubringen, so sehe ich doch auch Aspekte der Freiwilligenarbeit von denen die Wirtschaft lernen kann beziehungsweise sollte:

#1 Arbeiten, so viel wie nötig
Egal ob Theaterverein, politische Partei oder Handballclub: Der Vorstand, die Funktionäre und Mitglieder erbringen denjenigen Einsatz, welcher nötig ist, um den Verein erfolgreich zu führen. Dies kann über das Jahr verteilt sehr verschieden sein. Im Vorfeld der Theateraufführung oder einer wichtigen Wahl erhöht sich das Pensum, im Anschluss daran flacht es wieder ab. Praktisch nie wird ein Vereinsamt mit einer wöchentlichen Arbeitszeit definiert. Vielmehr wird eine erwartete Leistung definiert, die erbracht werden soll.

#2 Arbeiten, wann und wo es passt
Weil die Freiwilligenarbeit zumeist neben der eigentlichen Erwerbstätigkeit stattfindet, arbeitet man für das grosse Konzert oder das anstehende Turnier abends von 20-22 Uhr, an einem verregneten Sonntag genau so wie mal zu klassischen Bürozeiten. Jeder erbringt seine Leistung zu derjenigen Tageszeit, die ihm am besten passt. Und zwar zuhause am Küchentisch oder auf dem Balkon und der Vorstand trifft sich vielleicht im Restaurant Rössli oder bei jemandem privat zuhause.

#3 Projektbasiert auf ein Ziel hin arbeiten
Bei Vereinen stehen oft Projekte wie eine Theateraufführung, das Jahreskonzert oder die Meisterschaft im Fokus. Dieses gemeinsame Ziel motiviert und schweisst das Team zusammen. Natürlich kann auch die Meisterschaft das ganze Jahr dauern oder in der Politik stehen dauernd Abstimmungen und Wahlen an. Aber Routine gibt es nur im positiven Sinn, dass man Erfahrung mit einem Projekt hat, nicht im Sinne von routinemässiger Sachbearbeitung.

#4 Unterschiedliche Pensen als Standard
Es ist ganz natürlich, dass in einem Verein nicht jede Person gleich viel arbeitet. Typischerweise ist der Präsident stark engagiert, zusammen mit dem Dirigenten, Trainer oder Fraktionschef. Der Kassier hingegen ist meistens gegen Ende des Vereinsjahres mit der Buchhaltung beschäftigt, unter dem Jahr fallt weniger Arbeit an. Niemand geht davon aus, dass jede Funktion ein ähnliches Pensum an Arbeit mit sich bringt.

Selbstverständlich ist meine Analyse stark vereinfachend und gilt weder für alle Vereine noch für die Wirtschaft allgemein. Aber ich bin überzeugt, dass es gelingen könnte, ein Unternehmen auf Basis dieser vier Prinzipien aufzubauen und erfolgreich zu führen. Bei einigen Punkten steht das Arbeitsgesetz im Weg, bei anderen sehen sich die Unternehmen in einem Gefangenendilemma. Wenn wir ernsthaft Themen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das Verhindern von Burnouts, die Steigerung der Mitarbeiterzufriedenheit etc. anpacken und umsetzen wollen, liefern diese vier Prinzipien womöglich erste Ansatzpunkte.

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